August Stramm

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August Stramm 1915 in Uniform (Quelle:de.wikipedia.org

August Stramm (* 29. Juli 1874 in Münster; † 1. September 1915 gefallen bei Grodék / Horodec, östlich Kobryn, heute Weißrussland) war ein Lyriker und Dramatiker; er gilt als einer der Begründer und wichtigsten Vertreter der deutschen expressionistischen Dichtung.

Inhaltsverzeichnis

Leben

1874–1912

August Stramm wurde als Sohn eines Berufssoldaten geboren, der ab 1876 Beamter im Postdienst war und aus beruflichen Gründen häufig umziehen musste. 1885 lebte die Familie in Eupen, der Vater arbeitete nunmehr als Telegraphenassistent. 1888 Beförderung des Vaters als Obertelegraphenassistent und Leitungsrevisor mit Versetzung nach Aachen, wo die Familie sesshaft wurde und Stramm 1893 am königlichen Kaiser-Wilhelms-Gymnasium (heute Einhard-Gymnasium) das Abitur machte. Sein Wunsch wäre ein Theologiestudium gewesen, doch auf Drängen des Vaters schlug er ebenfalls die Beamtenlaufbahn ein und trat in den Postdienst ein; zunächst als Posteleve, bald schon als Postsekretär in Bremen. In den folgenden Jahren versah er den Seepostdienst auf der Linie Bremen und Hamburg-New York. Damit waren längere Fortbildungsaufenthalte in den Vereinigten Staaten verbunden. In den Wintermonaten 1898/1899 und 1899/1900 hörte er Vorlesungen an der Post- und Telegraphenschule in Berlin. Darunter Staats- und Verwaltungsrecht, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft, Verkehrsgeschichte und Handelsgeographie; Grundlagen zur höheren Verwaltungsprüfung für Post und Telegraphie, die er 1902 ablegte. Im selben Jahr heiratete er Else Krafft. Das Ehepaar hatte zwei Kinder Ingeborg (*1903) und Helmuth (*1904). Nach der höheren Verwaltungsprüfung wurde er zum Post-Praktikanten und 1903 zum Ober-Postpraktikanten befördert. Die Familie ließ sich in Bremen nieder. In seinen Bremer Jahren entfaltete August Stramm vielseitige künstlerische Aktivitäten; er malte, musizierte und dichtete.

Ab 1905 lebte die Familie in Berlin, wo Stramm im Reichspostministerium Dienst tat. Neben seiner Arbeit studierte er – zunächst eher planlos. Von 1905 bis 1908 belegte er als Gasthörer Vorlesungen in allen möglichen Gebieten, jedoch keine über Literatur. Erst ab dem Wintersemester 1906 besuchte er systematisch Vorlesungen in Geschichte, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft und Philosophie. Im Jahr 1909 promovierte an der Universität Halle. Thema seiner Dissertation war das Welteinheitsporto – Historische, kritische und finanzpolitische Untersuchungen über die Betriebspostgebührensätze des Weltpostvereins und ihre Grundlagen. Im selben Jahr wurde Stramm zum Postinspektor befördert.

Bereits 1896/97 hatte Stramm seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger absolviert. Er nahm weiterhin regelmäßig an militärischen Übungen teil, die ihn auch häufiger nach Aachen zu seinen Angehörigen führten. Wahrscheinlich um 1902 wurde er zum Oberstleutnant befördert.

Über sein dichterische Schaffen in den frühen Berliner Jahren ist wenig bekannt. Kurz nach der Jahrhundertwende erschienen erste literarisches Werke, das Drama Die Bauern, kleinere Beiträge z.B. in der Vossischen Zeitung. In den folgenden Jahren entstanden weitere, kaum beachtete Arbeiten – meist Dramen wie Das Opfer (1909, verschollen) oder Die Unfruchtbaren (um 1910). Stramm lebte in seiner eigenen literarischen Welt, tat sich schwer, zweifelte an sich und seinem dichterischen Können; Verlage und Zeitschriften, wie die Jugend oder Simplicissimus, lehnten seine Manuskripte ab. Ab 1909 veränderten sich die Dinge. Stramm zog in seine „Traumwohnung“ in Berlin-Karlshorst. Er beschäftigte sich nun intensiv mit Literatur – beeinflußt durch die Werke von Maurice Maeterlinck, Hauptmann und Strindberg. Von seinem Schwiegervater erbte 1911 er eine umfangreiche Bibliothek. Hans Blüher, ein Vorreiter der Wandervogelbewegung und der Dramendichter Hermann Essig, Verfasser sind häufige Gäste im Hause Stramm.


1912–1914

Augut Stramm, der nun stark vom italienischen Futurismus (Marinetti) beeinflusst war, fand um 1912 zu eigenen, originellen Ausdrucksformen und seinem expressionistischen Stil. Gedichte aus dieser Schaffensphase sind später verloren gegangen. In Dramen wie Rudimentär (um 1910) und Die Haidebraut (1914) verbinden sich naturalistische Motive mit Sprachexperimenten. Er schrieb Gedichte, die beispielhaft für den deutschen Expressionismus stehen. Stramm dekonstruiert Wörter oder Syntax und fügt diese Sprachelemente neu zusammen, wie in dem Gedicht Freudenhaus (1914): „Lichte dirnen aus den Fenstern / die Seuche / spreitet an der Tür / und bietet Weiberstöhnen aus!“

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte er endlich Erfolg; sein Drama Sancta Susanna wurde 1913 für die Kunst- und Literaturzeitschrift Der Sturm angenommen und im folgenden Jahr gedruckt. (1921 vertonte Paul Hindemith das Werk als Oper). In Berlin entstand aus dem Kontakt mit Herwarth Walden, dem Herausgeber von Der Sturm, bald eine enge Freundschaft, die für den dichterischen Einzelgänger Stramm wie eine Befreiung wirkte.

Denn man muß wissen, daß der junge, offenbar maßlos isolierte, früh verlachte Stramm seit längerem geschrieben hat: ekstatische Verse, ekstatische Szenerarien, wie sie in jener Zeit in der Luft lagen, dennoch von kräftiger Eigenart.[Anm.1]

Dank der Verbindung zu Herwarth Walden und dessen Ehefrau Nell hatte Stramm nun Kontakte zur künstlerischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts und vor allem die Möglichkeit, in einer anerkannten Kunst- und Literaturzeitschrift zu veröffentlichen. Die damit verbundene Anerkennung war schließlich Auslöser und Motivationsschub für Stramms letzte und produktivste Schaffensphase. In dieser Zeit entstanden seine Kriegsgedichte; gesammelt unter dem Titel Tropfblut (postum veröffentlicht 1919).

"Was uns heute an der Lyrik dieses von mystischer Unruhe getriebenen Dichters ergreift, ist die Tatsache, daß sich in ihr die aufs äußerste komprimierte, kondensierte Vision unversehens (und unbeabsichtigt) zur „Abstraktion“ entwickelt. Die genialen Schnappschüsse nehmen die Linien einer gegenstandlosen „verbalen“ Graphik an." [Anm.1]

Die Patrouille, ein kurzer Sechszeiler aus dem Krieg, wurde zu einem seiner berühmtesten Gedichte:

Patrouille
Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Aeste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.


Militärische Laufbahn, Krieg und Tod

Bei Kriegsbeginn trat er 1914 als Hauptmann der Reserve im Badischen Landwehr-Infanterie-Regiment 110 ein, das hinter der Front am Oberrhein im Elsass und den Vogesen eingesetzt wurde. Von Mitte November bis Ende Dezember 1914 war er Gerichtsoffizier im Oberelsass.

Nebenbei entstanden Gedichte und der Entwurf zu einem mehraktigen Drama, das den Titel Der Krieg oder Bluten haben sollte. Zu Weihnachten 1914 war er auf Heimaturlaub in Berlin. An die Front kehrt er als Kompanieführer zum Reserve-Infanterie-Regiment 272 der neugebildeten 82. Reservedivision nach Nordfrankreich zurück. Im Januar 1915 kämpfte er im Stellungskrieg bei Chaulnes an der Somme. Ende Februar erhielt er das Eiserne Kreuz II. Klasse. Im April 1915 wurde er mit seinem Regiment an die Ostfront verlegt, wo er Anfang Mai an der Schlacht von Gorlice teilnahm. Die Stadt fiel Ende Mai.

Am 19. Mai wurde er zum Bataillonskommandeur befördert. Er kämpfte in der Schlacht bei Radymno und im Juli bei Grodék, wofür er das Österreichische Verdienstkreuz erhielt. Am 1. September 1915 fiel Stramm beim Angriff auf russische Stellungen am Dnepr-Bug-Kanal, heute in Weißrussland gelegen. Im Laufe eines Jahres hatte er an siebzig Gefechten und Schlachten teilgenommen.

Am 2. September 1915 wurde August Stramm auf dem jüdischen Friedhof von Grodék beigesetzt.

Sonstiges

Zur Eröffnung der Ausstellung „An der „’Heimatfront“ im Stadtmuseum Münster am 8. August 2014, die sich „mit Trennung und Verlust, Hunger und dem Ringen um den Alltag“ in Westfalen währen der vier Kriegsjahre beschäftigte, wurden auch Gedichte des Lyrikers und gebürtigen Münsteraners August Stramm gelesen.

Literatur

  • Weltpost ins Nichtall: Poeten erinnern an August Stramm. Herausgegeben von Hiltrud Herbst und Anton G. Leitner. Münster: Daedalus Verlag 2015; ISBN 978-3-89126-310-5

Weblinks

  • Der Nachlass August Stramms (Korrespondenzen, Werkmanuskripte, Lebensdokumente) liegt in der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Digitalisate

Einzelnachweise

  • Anm.1: zitiert aus: Karl Krolow: Vergessene deutsche Dichter (3): August Stramm; in: DIE ZEIT, 26. Juli 1956, Nr. 30